Alpen brauchen keine Events

Erklärung des Bundestagsabgeordneten Klaus Barthel zum „Internationalen Tag der Berge“ (11.12.2010):

Der 11. Dezember 2010 ist der „Internationale Tag der Berge“, ausgerufen von den Vereinten Nationen. Das Hauptaugenmerk gilt heuer „Minderheiten und einheimischer Bevölkerung“ – dabei ist sehr stark an die Himalaya- und Andenstaaten gedacht. Aber der Tag der Berge ist auch für unsere Region von Belang!

Mein Anliegen an diesem 11. Dezember 2010 ist, Staatsregierung und Regionale Planungsverbände, Kreistage und Kommunen, Verbände und Initiativen in unserer Region zum Nachdenken bezüglich der alpinen Event-Attraktionen à la „AlpspiX“ und des galoppierenden Flächenverbrauchs anzuregen. Und zu hinterfragen, inwieweit die politisch Verantwortlichen und alle, die nicht müde werden, die Bedeutung der Alpen zu beschwören, in der Pflicht stünden, konkrete Regeln zu entwickeln und durchzusetzen. Regeln, die den Vorgaben der Alpenkonvention entsprechen.

Es wäre mir dabei zu einfach, die baulichen Maßnahmen am Blomberg, an der Westlichen Karwendelspitze, an der Osterfelderbahn und anderswo nur entschieden abzulehnen. Vielmehr bringe ich für die Betreiber und Gemeinden und deren Anliegen, mit auffallenden Events und Baumaßnahmen den Tourismus zu stärken und damit Arbeitsplätze zu schaffen bzw. zu sichern, viel Verständnis auf! Nur den Naturschutz, nur die Bewahrung des Originalzustandes der Bergwelt im Blick zu haben, hieße, sich den Anforderungen unserer Zeit zu verschließen. Der Alpenrand, an dem wir leben, bietet eine großartige Natur- und Erholungslandschaft. Und er ist zugleich ein Lebens- und Wirtschaftsraum, den es zu gestalten gilt.
Insofern kann man über den „AlpspiX“ oder das Mittenwalder „Fernrohr“ oder die Rundum-Vermarktung des Blombergs bei Bad Tölz sagen, dass diese Eingriffe in ohnehin stark frequentierte Gebiete durchaus lässliche Sünden sind. Es wird wenig zerstört, und der Massenandrang war auch zuvor schon groß. Und auch, wenn ich persönlich kein Freund derartiger Einrichtungen bin, kann ich das Engagement vor Ort nachvollziehen.

Die eigentliche Crux ist doch, dass jede dieser Installationen neue Begehrlichkeiten weckt. Wo der „AlpspiX“ zahlreiche Gäste anlockt, die Umsätze bei Bergbahn und Bergrestaurant damit deutlich steigen, ist es nur naheliegend, dass anderswo aufs selbe Pferd gesetzt werden soll: So wie früher jeder Tourismusort seinen Minigolfplatz und bald darauf sein Schwimmbad und seine Tennisplätze zu benötigen glaubte (und damit Individualität und eigenes Profil einbüßte), wird bald jeder zweite Alpenort eine alpine Attraktion anbieten wollen, um damit die Gäste zu sich zu locken.
Die Alpen würden damit nach und nach zu einem künstlichen Spielplatz – was der berühmte Bergsteiger Leslie Stephen gewiss nicht gemeint hat, als er 1871 sein bergsteigerisches Erlebnisbuch „The Alps – Playground of Europe“ betitelt hat.

Was ich mir wünsche, ist ein Nachdenken über die Tourismusentwicklung im bayerischen Alpenraum – nicht nur über Übernachtungszahlen und Verweildauerstatistiken, sondern über die hohe Qualität, die man hier zu bieten hat, und über die Qualität dessen, was man den Gästen bieten möchte. Ich vertrete unbeirrbar die Meinung, dass die Berge an sich so viel Erlebenswertes bereit halten, dass es künstliche Einrichtungen und Events gar nicht braucht. Menschen, die aufgrund von Handicaps selbst nicht wandern oder bergsteigen können, haben heutzutage mit vielen Bahnen ein breites Angebot zum Besuch der hochalpinen Region. Es fehlt diesbezüglich nicht an Infrastruktur.
Doch was Not tut, sind Image-Kampagnen für ein ungetrübtes Naturerleben und für die sonst so oft herangezogene „Entschleunigung“.
Und: Während alle natürlichen Barrieren gebrochen werden, fehlt es an der Barrierefreiheit beim Bewegen in den Dörfern und auf den Verkehrswegen meilenweit…

Längst hätte die Bayerische Staatsregierung eine Planung vorlegen müssen, in welchen Bereichen der bayerischen Alpen infrastrukturelle Verdichtungen unter gewissen Voraussetzungen gestattet und sinnvoll wären und wo die Natur zumindest im Jetzt-Zustand belassen werden soll. Fehlanzeige! Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass hier nach dem Moto nicht gehandelt wird: Wo es keinen Plan gibt, muss man sich auch an nichts halten…
Die völkerrechtlich verbindliche Alpenkonvention – Beschluss der Umweltminister aller Alpenstaaten aus dem Jahr 2000 – wird dabei oftmals ignoriert, mit List umgangen oder nach Gusto uminterpretiert.

Auch vom Deutschen Alpenverein wäre eine deutlichere Positionierung zu wünschen. Sich darauf hinaus zu reden, dass hier oder dort ohnehin kein nennenswerter Schaden entstünde, übersieht, dass damit Vorschub für immer neue Nachahmer geleistet wird.
Doch anders als bei der Bayerischen Staatsregierung sehe ich beim Alpenverein auch Leute, denen die Alpenkonvention und die Verbindung von Ökologie und Ökonomie im Alpenraum ernsthafte Anliegen sind – auch wenn der Rückzug von Prof. Röhle aus dem Präsidentenamt eine sicher schwer zu schließende Lücke an der Spitze des DAV hinterlässt.

Am Internationalen Tag der Berge möchte ich DAV und Naturfreunde, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften, Naturschützer und Touristiker und alle, die sowohl der einenGruppierung wie auch einer anderen angehören, auffordern, Koalitionen zu bilden und für unseren heimischen Alpenraum Konzepte zu entwickeln, die nicht in fünf Jahren schon wieder alte Hüte sind. Ein Blick in die bebilderten Veröffentlichungen der Fremdenverkehrswerbung und Verbandszeitschriften zeigt, dass es durchaus eine Ahnung davon gibt, was unsere Alpen attraktiv macht: Da sind nicht die Ski-Schneisen durch den Bergwald nebst Schneekanonen, Beton-Sünden, Almstraßen und AlpspiXe zum Appetit machen auf der Titelseite, sondern meist die unberührte Natur mit verträumter Berghütte. Seltsam?!

Es geht darum, langfristige Perspektiven zu schaffen: Für die Gäste, die hier ihren Urlaub verbringen genauso, wie für die Menschen, die hier leben.